Die ehrliche Hälfte meiner Geschichte

Alkohol hat funktioniert. Sonst hätte ich nicht so lange getrunken.

Wenn ich nur von Abstürzen, Blackouts und den späteren Folgen erzähle, fehlt der Anfang. Alkohol blieb nicht fast zwei Jahrzehnte in meinem Leben, weil er vom ersten Tag an nur schrecklich war. Er hat mir zuerst etwas gegeben.

Plötzlich konnte ich leichter mit Menschen reden.

Als Jugendlicher war ich schüchtern und unsicher. Mit Alkohol wurde die Hemmschwelle kleiner. Kontakt fühlte sich leichter an, Gespräche kamen schneller zustande und ich hatte das Gefühl, dazuzugehören.

Damals war das für mich kein Warnsignal. Es fühlte sich wie eine Lösung an. Wer nur sagt, Alkohol sei schlecht, erreicht diesen Teil meiner damaligen Erfahrung nicht.

Er löste nicht das Problem. Er drehte nur die Lautstärke herunter.

Unsicherheit, Anspannung und das Gefühl, nicht gut genug zu sein, waren nicht verschwunden. Ich spürte sie nur weniger. Genau das machte Alkohol für mich so wirksam.

Was kurzfristig half, bekam dadurch immer mehr Aufgaben. Nicht nur Feiern, sondern auch Reden, Runterkommen, Alleinsein oder einfache Situationen konnten mit Alkohol leichter erscheinen.

Aus einem Türöffner wurde irgendwann der ganze Raum.

Je selbstverständlicher Alkohol wurde, desto weniger musste ich herausfinden, wie ich Dinge nüchtern aushalte oder auf meine Weise löse. Die Wirkung war schnell. Alles andere brauchte Geduld – und Geduld war nie meine Stärke.

Später trank ich nicht mehr nur für besondere Abende. Alkohol gehörte zur Routine, zum Online-Leben und zu immer mehr Stunden, die sonst still gewesen wären.

Nüchtern war ich nicht plötzlich ein anderer Mensch.

Die Unsicherheit war nicht einfach weg. Auch Langeweile, Stille und Gefühle verschwanden nicht, nur weil kein Alkohol mehr im Glas war. Ich musste vieles zum ersten Mal wirklich wahrnehmen.

Das ist ein Grund, warum ich Nüchternheit nicht als fertige Verwandlung erzähle. Aufhören war der Anfang. Danach begann die langsamere Arbeit: mein Leben kennenzulernen, ohne die Lautstärke herunterzudrehen.

Ich muss die frühere Wirkung nicht leugnen, um den Preis klar zu sehen.

Zu sagen, dass Alkohol für mich funktioniert hat, ist keine Werbung dafür. Es ist die Erklärung dafür, warum einfache Verbote und Vorwürfe mich damals nicht erreicht hätten.

Ich kann heute beides gleichzeitig sagen: Alkohol hat mir kurzfristig geholfen – und mein Leben langfristig immer enger um sich herum gebaut. Erst mit beiden Hälften wird meine Geschichte ehrlich.

01

Es war nie schlimm genug

Warum Funktionieren und problematischer Konsum bei mir gleichzeitig existierten.

02

Alkoholfrei leben

Erfahrungen und Orientierung für den ersten Schritt und den Alltag danach.

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Nicht alles auf einmal. Aber ehrlich anfangen.

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